Zahlen gegen Risikoblindheit

- Vortrag an Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) zum Thema "Die Corona-Krise - die Analyse von Extremrisiken und die Simulation von Krisenauswirkungen" -

Prof. Dr. Werner Gleißner

NÜRTINGEN (hfwu). Risiko ist Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadenshöhe. So simpel funktioniert Risikomanagement nicht. Das machte ein Vortrag an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) deutlich. Im Fokus standen Extremrisiken wie die Corona-Pandemie, Gefahrenlandschaften und Risikoblindheit.

„Wir haben – noch – Glück im Unglück“, sagt Werner Gleißner. Die Sterblichkeitsrate in der Corona-Pandemie liege derzeit an der unteren Grenze, dessen was passieren kann. Dass es hier noch Luft nach oben gibt hat für den Experten für Risikomanagement auch damit zu tun, dass in der Wissenschaft die Risiken von Pandemien bekannt sind, sich aber weder Regierung noch Unternehmen ausreichend damit befassten. Pandemien seien generell eine der am stärksten unterschätzten Krisen. Gleißner lehrt als Professor an der Technischen Universität Dresden und ist Vorstand der FutureValue Group AG. An der HfWU referierte er beim online durchgeführten „17. Tag der Finanzen“, einer Veranstaltung der International School of Finance, des Effektenparketts e.V. und des Studium generale.

Die verzögerte Bereitstellung von Schnelltests und FFP-2-Masken, überhaupt die späte Reaktion des Staates hält Gleißer für einen Fehler. „Bei einer schnelleren Reaktion wären weniger hohe volkswirtschaftliche Schäden entstanden“. Schon 2012 habe eine Studie vor den katastrophalen Auswirkungen einer Corona-Pandemie gewarnt. „Nicht das Virus selbst ist das Problem, sondern wie Politik, Gesellschaft und Institutionen darauf reagieren.“

Wie wir auf Extremrisiken reagieren hat für den Risikomanagementexperten, der auch an der HfWU unterrichtet, mit einer „völlig verzerrten Wahrnehmung der Risikolandschaften“ zu tun. Das hängt mit unserem dem durch die Medien vermittelten Bild der Welt zusammen. Aber auch Politik und Experten nähmen etwa als Extremrisiko oft ausschließlich die Umweltkrise in den Blick. „Im Jahr 2019 kamen durch Naturkatastrophen weltweit 9.000 Menschen ums Leben – so viele wie an zwei Tagen im Straßenverkehr.“

Generell ist unser Umgang mit Risiken extrem schlecht, so der Befund des Wissenschaftlers. „Wir leiden an Risikoblindheit.“ Die Menschen neigten dazu zu verdrängen und sich in einer Schein-Sicherheit zu wiegen. In der psychologischen Natur des Menschen läge es, überzubewerten, was konkret fassbar ist und so eher Angst macht. Abstrakte aber womöglich viel höhere Risiken würden so verkannt. In Unternehmen werde „Risiko“ oft mit „Fehler“ gleichgesetzt, statt rational und faktenbasiert abzuwägen, welche Risiken einzugehen vertretbar ist.

Gegen Risikoblindheit kann ein professionelles Risikomanagement helfen. In einem ersten Schritt heißt das, den „Gesamtrisikoumfang“ zu erfassen: Alle möglichen Arten von Risiken zu identifizieren und sie dann in ihren Wechselwirkungen zu analysieren. „Die Risikoaggregation ist das Entscheidende, um so den Kombinationseffekt von Einzelrisiken zu erkennen.“ Für Unternehmen bedeutet das: Ist der Gesamtrisikoumfang hoch, bedarf es zum Bespiel mehr Eigenkapital oder größerer Liquiditätsreserven. Dabei stellt der Gefahrenforscher klar: „Beim Risikomanagement geht es nicht darum, ein Risiko zu minimieren. Das ist nicht möglich.“ Worum es gehe sei, vom traditionellen Risikomanagement Abschied zu nehmen und zu einem „strategischen Management bei Unsicherheit“ zu kommen. Risiko als Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadenshöhe zu verstehen sei meist Unfug. Herzstück bei dieser Vorgehensweise sind mathematische Modelle zur Simulation von verschiedenen Krisenszenarien und deren Auswirkungen. Denn „um eine Quantifizierung von Risiken kommt man nicht herum.“ Letztendlich gehe es bei einem professionellen Risikomanagement darum, „dass die Risikomenge einem adäquaten Ertrag gegenübersteht“, ist Gleißner überzeugt.

 

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