Wem kann man glauben?

- Geislinger Zukunftsforum diskutiert Fake News und Falschinformationen -

NÜRTINGEN (hfwu). Die Pandemie führt täglich vor Augen, wie Kommunikation gelingt, misslingt oder missbraucht wird. Gleichzeitig zeigt sich, wie sich Kommunikation in Krisen verändert und anderen Regeln folgt. Das Geislinger Zukunftsforum an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt setzte sich genau damit auseinander: „Wie wird sich unsere Kommunikation verändern?“. Mit dem Untertitel „Mensch – Unternehmen – Gesellschaft war das Thema grundsätzlich angelegt. Kaum überraschend war jedoch, dass die Pandemie der Diskussionsrunde deutlich ihren Stempel aufdrückte.

Der Bundestagsabgeordnete Thomas Sattelberger ist als ehemaliger Lufthansamanager ein durch viele Krisenszenarien erfahrener Kommunikationsexperte. Per Video zugeschaltet betonte er, dass Kommunikation nur durch Vertrauen funktionieren kann. Fehlt dieses, kommen die Botschaften nicht an. Dann entsteht Raum für die Informationsgemengelage, die auch die Pandemiesituation bestimmt. „In Krisen schauen die Menschen durch dich hindurch“, Authentizität sei dann gefragt. Und gerade die leide, wenn sich die Kommunikation, wie so häufig in diesen Zeiten, in den virtuellen Raum verlagert. Den Schlüssel, sich gegen falsche oder fehlgeleitete Information zu wappnen sieht Sattelberger in Bildung: „Fake News haben mit Urteilsfähigkeit zu tun und dafür ist Bildung das Schlüsselthema“. Niemals dürfe Bildung nur ein Thema der Eliten sein, sie sei im Gegenteil systemrelevant.

Dazu gehöre auch Medienbildung, da die Suche nach Wahrheit auch digital stattfinde. Die Corona-Pandemie sieht er als Chance, die Bildungsinstitutionen zu verändern. Die Meinungsbildung geschehe online. „Deutschland hat das Internet verschlafen, wir müssen erst lernen was andere schon können“. Das betreffe auch die Unternehmen die vor neuen Arbeitsformen, auch digitalen stehe und dazu gehöre mehr als nur „homeoffice“.

Sven Kaun-Feederle, der das Marketing der Feco-Gruppe, einem internationalen Büromöbelhersteller, leitet, nutzte diese Vorlage und räumte mit einigen Homeoffice-Mythen auf. Die aktuelle Euphorie um diese Arbeitsform verkenne die Probleme. Befunde wie „Homeoffice spart Geld“, „Homeoffice ist produktiver“ oder „Homeoffice vereint Berufs- und Privatleben“ rückte Kaun-Feederle in ein ernüchterndes Bild. Er konnte nachweisen, dass tatsächlich versteckte Kosten vernachlässigt werden, kreative Netzwerke leiden und sich die Arbeitszeiten mit allen negativen Folgen für viele erhöht hätten. Für Kaun-Feederle gibt es keinen Zweifel, dass es kein Zurück zu den statischen Arbeitsformen vor der Pandemie gäbe. Die digitale Zusammenarbeit werde bleiben, sie müsse aber ergänzt werden mit Mischformen und ausreichend Möglichkeiten zur Begegnung.

Die gesellschaftlichen Wirkungen von falscher, Fehl- oder manipulierter Information und Kommunikation sind das Thema der Journalistin Manuela Feyder. Nichts verbreitet sich so schnell und in solcher Menge wie „Fake News“, ganz nach dem Willen derer, die sie in die Welt setzen. „Sieben von zehn Meldungen auf Facebook über Angela Merkel sind nachweislich falsch, wie das Online-Magazin BuzzFeed allein in 2017 feststellte“. Allein diese noch vergleichbar harmlose Aussage zeigt die Dimension dieser „Kommunikationsform“ und lässt ihre Gefährlichkeit für Politik und Gesellschaft erahnen. Feyder mahnt, dass alle Mediennutzer sich wie Journalisten selbst ständig über die Qualität ihrer Informationsquellen bewusst sein müssten. Das kann mühsam sein. Wer sich gegen Fake News schützen will, sollte mehrere Quellen nutzen und vermeintliche Fakten prüfen: Entsprechende „Faktenchecker“ gibt es kostenfrei im Netz. Beruhigend ist angesichts der Flut an Falschinformationen die folgende Feststellung: Allen Unkenrufen zum Trotz vertrauen laut aktueller Studien über 80 Prozent der Mediennutzer öffentlich-rechtlichen Medien.

Digitale Medien, online Kommunikationstools, vernetzte Plattformen verlangen von den Nutzern Bildung und Fortbildung gleichermaßen. Die HfWU-Professoren Dr. Anka Reich, Dr. Barbara Kreis-Engelhardt und Dr. Klaus Gourgé waren sich einig, die Art wie wir künftig kommunizieren wird neben Bildung von Medien- und Digitalkompetenz bestimmt. Glaubt man Thomas Sattelberger gibt es vor allem bei den letzten beiden Aspekten noch einige Defizite.

Das Geislinger Zukunftsforum ist eine Veranstaltung der HfWU-Studiengänge Wirtschaftsrecht, und des Studienprogrammes Zukunftstrends & Nachhaltiges Management. Unterstützer sind die Stadt Geislingen und das Geislinger Innovations- und Startup Center G-INNO.

 

Gerhard Schmücker, 25.11.2020

 

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