Vom Ende der Illusionen

- der Kulturphilosoph Jean-Pierre Wils sprach im Studium generale über die Zukunftsunfähigkeit der gegenwärtigen Gesellschaft und ein notwendiges „Leben in Provisorien“ -

Prof. Dr. Jean-Pierre Wils

Der Referent in der Diskussion mit Simon Wagner und Alexandra Mayer sowie HfWU-Professor Johannes Junker (r.)

NÜRTINGEN (hfwu). Mit dem Ende der Corona-Pandemie hoffen viele auf eine Rückkehr zur Normalität. Für Jean-Pierre Wils ist diese Normalität eine „Kultur der Zukunftsunfähigkeit“. Die entscheidende Frage ist für ihn: Kommen wir bei der Rettung unserer Lebensgrundlagen rechtzeitig oder zu spät. Wie eine andere Normalität aussehen müsste und warum Chancengleichheit als Ideologie zu verstehen ist, erläuterte der Kulturphilosoph im Rahmen eines Vortrags an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU).

Unsere Gesellschaft ist gekennzeichnet durch vielfältige Störungen: ökologischer, epidemischer, wirtschaftlicher, politischer und nun auch kriegerischer Natur. So der Befund von Jean-Pierre Wils. Zeit, sagt er mit Verweis auf die Autorin Carolin Emcke, werde so zum „existenziellen Gut“. Denn schon bald werde es für eine Kehrtwende zu spät sein.

Prof. Dr. Jean-Pierre Wils lehrt Philosophische Ethik und Kulturphilosophie an der Radboud Universität im niederländischen Nimwegen. Im Rahmen des Studium generale war er für seinen Vortrag „Leben in Provisorien“ an die HfWU nach Nürtingen gekommen.

Die vielfältigen Krisen unserer Zeit sieht Wils durch verschiedene „Spaltungsindizien“ verstärkt. Etwa beim Thema Mobilität. „Das Auto ist in Deutschland die Variante der heiligen Kuh in Indien“, stellt der Belgier nüchtern fest. Für ihn geht es nicht um eine andere, etwa eine E-Mobilität, sondern um weniger, um Demobilität. Als weiteres Hindernis, das einem angemessenen Umgang mit den aktuellen Herausforderungen entgegensteht, sieht er das vorherrschende Verständnis von Freiheit. „Menschen meinen, sie seien von Natur aus frei. Daher kommt die Aggressivität bei Freiheitseinschränkungen. Dabei beruht unsere Freiheit auf einer Unmenge von Beschränkungen und Rücksichtsnahmen. Wir sind nur mit anderen zusammen frei.“

Auch die oft propagierte Chancengleichheit gehört für Wils in die Reihe der Spaltungsindizien. In Anlehnung an den Harvard-Philosophen Michael Sandel sieht er in der Chancengleichheit eine gefährliche Ideologie. In der Praxis sei sie so gut wie nicht zu realisieren. Gleichzeitig aber mache man damit den Einzelnen, wenn er es nicht geschafft hat, selbst für sein Versagen verantwortlich. „Diese Demütigung ändert nichts an strukturell erzeugten Unterschieden. Es macht die Menschen nur anfälliger für populistische Strömungen.“ Und nicht zuletzt werden für den Ethiker durch unseren Sprachgebrauch Konfliktlinien gefestigt. „In der Pandemie wurden fast immer Kriegs- und Kampfmetaphern benutzt“, so die Wahrnehmung von Wils. Werden solche sprachlichen Bilder geschaffen, könnten umso leichter daraus reale Regelungen wie in Kriegszeiten abgeleitet und legitimiert werden. Es gehe also auch darum, andere „Sprachwelten“ zu schaffen.

Die Widerstände sind identifiziert, doch wie nun die Umkehr zu einer grundsätzlich anderen Perspektive auf unsere Zeit bewerkstelligen? Der Vorschlag von Wils: Ab jetzt leben und verstehen wir uns in einer Zeit der Provisorien. Ganz im wörtlichen Sinne, in einer Zeit des Vorausschauens. Einer Phase der vorläufigen Orientierung, eines Lebens im Ungewissen, im Bewusstsein von endlichen Ressourcen.

Konkret heißt das für den Kulturphilosophen eine „Mikropolitik der Lebensstile“ zu etablieren, das Verständnis, dass Entscheidungen im privaten Bereich, vor der eigenen Haustür, politisch relevant sind. Zudem müssten unsere Bedürfnisse auf den Prüfstand. Welche sind zukunftsfähig, welche nicht? Es gehe darum, Illusionen zu verabschieden, die „Ignoranz der Umstände“ abzulegen und die „Selbst- und Fremdnarkotisierung“ zu beenden. Gleichsam sei ein Ende „der Fluchtpolitik in die Kompensationsszenarien der Spaßgesellschaft“ überfällig. Genauso wie die Rückeroberung der öffentlichen Güter wie Verkehrsnetze, Energie- und Wasserversorgung aus kapitalistischen Verwertungszusammenhängen. Und nicht zuletzt gehe es darum, Verbots- und Verzichtsforderungen zu enttabuisieren.

Im Anschluss an den Vortrag tauschten sich im Rahmen einer Podiumsdiskussion Gastgeber HfWU-Professor Johannes Junker sowie die Studierenden Alexandra Mayer und Simon Wagner von der HfWU-Awareness-Gruppe, die sich für eine Sensibilisierung bei Diskriminierungsthemen einetzt, mit dem Referenten aus. Nicht mit allem, was Jean-Pierre Wils vorgetragen hatte, waren die Studierenden einverstanden und so entwickelte sich ein lebhafter Disput.

Mit einer schlechten und einer guten Nachricht brachte Wils seine Ausführungen am Ende auf den Punkt. Die schlechte: „Uns steht eine absolut harte Transformation bevor.“ Die gute: „Es könnte sein, dass wir danach glücklichere und zufriedenere Menschen sind.“

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