Nachlässiger Kampf gegen die Ungleichheit

- Studium generale-Vortrag befasste sich mit globalen und gesellschaftlichen Verteilungsproblemen -

Jens Martens (Foto: Helle Jeppesen)

Die Organisatorinnen des Studium-generale-Abends, Carina Plach und Ute Kern-Schimmele, sowie HfWU-Professor Dr. Christian Arndt und der Referent.

NÜRTINGEN (hfwu). Mit dem Begriff „Entwicklungshilfe“ stand lange die Armut im globalen Süden im Fokus. Heute geht es bei der Thematik auch um globale Verteilungsgerechtigkeit und den Reichtum im Norden. Eine Beschäftigung mit der Problematik ist nötiger denn je, darauf wies der Geschäftsführer des Global Policy Forum (GPF) Jens Martens in seinem Vortrag im Rahmen des Studium generale an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) hin.

„Die Pandemie der Ungleichheit – globale Verteilungseffekte der COVID-19-Krise“ lautete der Titel des online Vortrags des Chefs des GPF, einer internationalen Nichtregierungsorganisation mit Sitz in New York und Bonn. Einführend hatte Prof. Dr. Christian Arndt, Leiter des Zentrums für Nachhaltige Entwicklung (ZNE) an der HfWU, auf die heutige Gleichzeitigkeit von verschiedenen Problemlagen hingewiesen, die sich oft gegenseitig verstärken: Armut, Gesundheit, Bildung, Migration, Biodiversität, Klimawandel. „Alle diese Krisen haben eins gemeinsam: es geht immer um eine gerechte Verteilung von Ressourcen.“

Martens teilt diesen Befund. „Das Auseinanderklaffen von Arm und Reich ist in den vergangenen Jahrzehnten immer eklatanter geworden, global, aber auch in Deutschland“, so der Verteilungsökonom. Die ärmeren 50 Prozent der Weltbevölkerung verfügten nur über gut 8 Prozent der Einkommen, die reichsten 10 Prozent über mehr als 50 Prozent. Noch extremer sei die Verteilung beim Vermögen. Die oberen 10 Prozent besitzen über drei Viertel des globalen Vermögens, so die Zahlen von Mertens. Allein im Jahr 2021 habe sich weltweit die Zahl der Milliardäre mehr als vervierfacht. Gleichzeitig gäbe es heute 260 Millionen Menschen mehr in extremer Armut als noch vor der Pandemie. In Deutschland sei im Zeitraum zwischen 1993 und 2018 das Vermögen der reichsten 10 Prozent um 144 Prozent gestiegen.

Positiv vermerkt der Armutsforscher, dass sich sowohl in den Wirtschaftswissenschaften wie auch in der Zivilgesellschaft ein neues Verständnis durchgesetzt habe. „Als ein wichtiges Ziel gilt heute, Ungleichheit zwischen und in den Ländern zu verringern.“ Dazu habe nicht zuletzt 2015 der UNO-Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung beigetragen, der die Bekämpfung der Ungleichheit als eins der nachhaltigen Entwicklungsziele aufgenommen hat.

Eine ungerechte Verteilung und damit ungenügende Ressourcen sind für Menschen und Gesellschaften folgenreich. Sie führe zu einem langsameren und weniger stabilen Wachstum der Volkswirtschaften, so der Befund von Mertens, zudem werden Gesundheit und Lebenserwartung beeinträchtigt. Länder mit einer großen materiellen Ungleichheit produzierten mehr Treibhausgase, da die unteren Schichten etwa mit mehr Konsum einem höheren sozialen Status anstreben. Und nicht zuletzt führe Ungleichheit zu weniger politischem Engagement der Armen, was die Unterschiede noch vergrößere, da die Reichen z.B. über den Einfluss auf die Steuerpolitik ihre Position noch stärken können.

Um gegen diese Entwicklungen vorzugehen schlägt Mertens im Wesentlichen drei Maßnahmen vor. Zum einen fiskalpolitische: die Spitzensteuersätze sollten angehoben, Kapitalerträge progressiv besteuert, die Vermögensteuer wieder eingeführt und Privilegien bei der Erbschafts- und Schenkungssteuer abgeschafft werden. Ein weiterer Hebel wären ordnungspolitische Maßnahmen. Das hieße etwa die sozialen Sicherungssysteme zu stärken, prekäre Beschäftigung einzudämmen und den Mindestlohn zu erhöhen. Auf internationaler Ebene fordert Mertens eine Stärkung der Steuerkooperation unter dem Dach der Vereinten Nationen, eine Erhöhung der öffentlichen Entwicklungsfinanzierung und Maßnahmen für eine globale Impfgerechtigkeit.

Seinen Vortrag schloss der Referent mit einer klaren Botschaft: „Es ist Aufgabe der Politik, weitaus mehr gegen die Ungleichheit zu tun als bisher.“

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