Mit Klimaschutz zu mehr Lebensqualität

- um die „klimaneutrale Stadt Nürtingen“ ging es bei einer Studium-generale-Podiumsdiskussion an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) -

HfWU-Rektor Prof. Dr. Andreas Frey und Prof. Dr. Christian Arndt führten in die Veranstaltung mit den Referenten Prof. Dr. Henning Krug, Dr. Johannes Fridrich und Volkmar Klaußer ein; Mitte rechts Carina Plach vom Organisationsteam.

NÜRTINGEN (hfwu). Wie kann Nürtingen zur klima-neutralen Stadt werden, das fragte das Studium generale der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) und brachte den Oberbürgermeister, die Stadtwerke und die Wissenschaft an einen gemeinsamen, virtuellen Tisch. Die Teilnehmer waren sich einig: Vom Ziel der Klimaneutralität ist man noch sehr weit entfernt.

Unter dem Titel „Marktplatz fürs Engagement“ stellt das Studium generale der HfWU in diesem Semester lokale „Projekte und Ideen für eine gelingende Zukunft“ vor. „Das Marktplatz-Konzept zielt darauf, in den direkten Dialog mit den Akteuren für eine nachhaltige Entwicklung zu kommen. Die Hochschule will hier auch die Rolle eines Katalysators für die Thematik einnehmen“, erläuterte Prof. Dr. Christian Arndt zum Auftakt der Reihe. Beim ersten Abend stand Nürtingen und die Frage „Wie können wir den Klimawandel auf kommunaler Ebene bekämpfen?“ im Fokus. Antworten in der virtuellen Runde gaben der Nürtinger OB Dr. Johannes Fridrich, Stadtwerke-Geschäftsführer Volkmar Klaußer und HfWU-Professor Dr. Henning Krug.

Die Buchen im Stadtwald zeigen Schäden durch die heißen Sommer, der merkliche Rückgang der Zahl der Insekten, die Belastung durch den Straßenverkehr – die Dringlichkeit für ein Handeln angesichts des Klimawandels ließe sich für OB Fridrich an vielen weiteren Beispielen festmachen. „Meine Vision ist, um die Akzeptanz für den Klimaschutz zu erhöhen, diesen mit einer höheren Aufenthaltsqualität in der Stadt zusammenzubringen“, so der Oberbürgermeister, „für ein gutes Stadtklima ist nicht nur die Zahl der Läden entscheidend, dazu gehört auch, grüne Inseln zu schaffen.“ Insbesondere bei der Mobilität brauche es noch größerer Anstrengungen. Beispielgebend sei hier das Projekt „Stadtbalkon“ mit dem der Verkehr für eine Probezeit aus der Alleenstraße verbannt wird. Als langfristiges Ziel sieht Fridrich die autofreie Innenstadt. Dies sei eins der umstrittensten Themen, aber „wir müssen mutig sein und offen für Neues, die Menschen mitnehmen und etwa beim Verkehr attraktive Alternativen anbieten.“ Seine zentrale Botschaft: Klimaschutz sollte nicht als lästige Pflicht verstanden werden, sondern als Chance, die Aufenthaltsqualität in der Stadt zu steigern und, nicht zuletzt, etwa im Energiesektor, Geld sparen zu können.

Konkrete Handlungsoptionen aus Sicht der Stadtwerke lotete Volkmar Klaußer aus. Ein wesentlicher Ausbau von Wasser-, Windkraft oder die Energiegewinnung aus Biomasse seien in Nürtingen keine wirklichen Optionen, so der Stadtwerke-Geschäftsführer. Potenzial sieht Klaußer dagegen in der Kraft-Wärme-Kopplung und beim Ausbau von Photovoltaik-Anlagen, auch wenn auf diesem Feld in den vergangenen Jahren bereits viel erreicht worden sei. „Wärmenetze sind eine der großen zukünftigen Aufgaben“, ist Klaußer überzeugt und verweist auf die Planung von solchen Netzen in der östlichen Bahnstadt, im Äußeren Egert und im Neckarpark. Bei der E-Mobilität sieht er „das eigentliche Problem in der Ladeleistung, wenn sehr viele Leute ihr Fahrzeug zu Hause laden wollen.“ Wenn der Anteil der E-Autos maßgeblich steigt, müsse hier über neue technische Lösungen, wie etwa Netzspeicher oder die Steuerung über Smart Meter nachgedacht werden. Sein Fazit: Bei den Klimazielen sei schon einiges erreicht, aber „wir können keinesfalls zufrieden sein, die Aktivität muss hier noch deutlich angezogen und die Infrastruktur an vielen Stellen angepasst werden.“

Zu einem ähnlichen Befund kommt Henning Krug. „Von einer klimaneutralen Stadt sind wir noch meilenweit entfernt“, sagt der Professor für Infrastrukturplanung und Studiendekan des Studiengangs Nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung. Beim Autoverkehr gehe die Entwicklung gar in die entgegengesetzte Richtung. Wie weit und wie lange wir mit dem Auto fahren, diese Zahlen nähmen in Deutschland nach wie vor immer noch jedes Jahr zu. Im Jahr 1950 wurden 50 Milliarden Kilometern mit dem Auto gefahren, im Jahr 2019 750 Milliarden. „Wir brauchen dringend eine Verkehrswende, und die müsste eigentlich gestern begonnen haben“, so Krug. Heute mache der Autoverkehr 60 Prozent des Verkehrs aus, nur 20 Prozent entfallen auf Fußgänger, Fahrradfahrer und den ÖPNV. Mit Blick auf den Klimawandel müsste es umgekehrt sein und der Autoverkehr maximal 20 Prozent einnehmen. Bei der aktuellen Qualität des ÖPNV sei dieser aber alles andere als ein attraktive Alternative zum Auto. Notwendig seien etwa bei den Bussen eine schnellere Taktung und eine straffere, direktere Linienführung. Auch was Geh- und Radwege anbetrifft, habe baulich der Autoverkehr meist immer noch Vorfahrt. Nach 70 Jahren auto-orientierter, sei heute eine umweltverbund-orientierte Straßen- und Stadtentwicklung nötig, so der Appell von Krug. „Die Städte spielen bei dieser tiefgreifenden Transformation mit ihrer räumlichen Struktur und ihrer politischen Kraft eine zentrale Rolle,“ ist der Verkehrsexperte sicher.

Die nächste Veranstaltung in der Reihe „Marktplatz fürs Engagement“ am 31. März hat den Titel „Die jungen Wilden – wir fangen schon mal an!“ und stellt verschiedene lokale Umweltinitiativen vor (Informationen und Anmeldung zur Online-Veranstaltung unter www.hfwu.de/studium-generale)

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