„Ich passe in keine Box“

- Psychotherapeutin Flavie Singirankabo sprach im Studium generale über Rassismus und die afrikani-sche Lebensphilosophie Ubuntu -

 

Flavie Singirankabo bei ihrem Vortrag an der HfWU in Nürtingen.

Studierende der Theatertherapie griffen das Thema des Abends mit einem „Playbacktheater“ auf.

NÜRTINGEN (hfwu). Im Rahmen des Studium generale an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) berichtete die Psychotherapeutin Flavie Singirankabo von ihren Erfahrungen mit Rassismus und kollektiven Prägungen.

„Ich will sterben“, das war Flavie Singirankabo erster Gedanke. Das war damals, als sie in die Grundschule in Ostfriesland kam. Die Blicke der Mitschüler waren interessiert, aber genauso seltsam und beängstigend. Die Eltern der damals Zehnjährigen waren aus Burundi als politische Flüchtlinge nach Belgien gekommen. „Ich spürte zum ersten Mal wie sich Identitätsverlust anfühlt“, erinnert sich Singirankabo heute.

Erfahrungen von Ausgrenzung, Rassismus und Diskriminierung sind für sie und gesellschaftlich immer noch Realität. Sich dies bewusst zu machen und wie ein einladender Rahmen für Begegnungen auf Augenhöhe geschaffen werden können, das war Thema eines Abends im Rahmen des Studium generale an der HfWU in Nürtingen.

„Scham ist so schmerzhaft wie körperliche Gewalt und führt häufig zu Identitätsverlust“, sagt  die Heilpraktikerin für Psychotherapie, die zudem als Übersetzerin und Moderatorin arbeitet und Inhaberin der Beratungsagentur Herzenshand in Stuttgart ist. Für sie sei es oft schwierig, im Kontakt mit anderen das Gleichgewicht zu finden. Bei sich zu bleiben, zur eigenen Identität zu stehen, auch wenn man sich so nicht angenommen fühlt. Oder sich anzupassen.

„Nach dem normalen Leben habe ich mich immer gesehnt“, sagt Singirankabo. „Für manche Schwarze bin ich zu Weiß, für manche Weiße zu schwarz. Ich passe in keine Box.“ Ein Leitfaden für sie ist die afrikanische Lebensphilosophie Ubuntu, die im südlichen Afrika praktiziert wird. Das Wort kann als Meschlichkeit, Nächstenliebe und Gemeinsinn verstanden werden und beschreibt die Erfahrung und das Bewusstsein, dass man selbst Teil eines Ganzen ist. „Ich bin, weil ihr seid, und ihr seid, weil ich bin. Mein Mensch-sein ist untrennbar mit deinem Mensch-sein verbunden. Wir sind eins“, so beschreibt es Singirankabo.

Im Anschluss an die Ausführungen stellte sich die HfWU-Awareness-Gruppe vor, die sich für eine Sensibilisierung bei Diskriminierungsthemen einsetzt. Anschließend führten  Studierende der Theatertherapie ein spontanes „Playbacktheater“ auf. Das Publikum wurde wiederholt nach seinen Gefühlen vor dem Hintergrund des Vortrags gefragt, die Theatergruppe stellte die Antworten dar: Inspiration, Spannung, Wut, Betroffenheit, Hoffnung. Zum Schluss war noch Zeit für Fragen und Austausch mit der Referentin. Mit auf den Weg gab Singirankabo den Besucherinnen und Besuchern den Rat: Zurst eine Verbindung mit den Menschen schaffen, erst dann mache es Sinn, nach der Herkunft und anderem zu fragen und nicht umgekehrt. Als Schlusswort zitierte sie ein Sprichwort der Lakota-Indianer: „Ein Kind ist jedes Kind, eine Frau ist jede Frau, ein Mann ist jeder Mann. Was wir für einen tun, kommt allen zugute.“ Langer Applaus.

 

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