Die Hoffnung auf eine alte Normalität trügt

- Vorträge im Rahmen des Studium generale an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) nahmen psychische Verfasstheit von Menschen und Gesellschaft in Corona-Zeiten unter die Lupe -

Prof. Dr. Barbara Wild

Prof. Dr. Jean-Pierre Wils

Die Referenten Jean-Pierre Wils und Barbara Wild, sowie Moderator HfWU-Professor Johannes Junker und Studium-generale Mitarbeiterin Carina Plach.

NÜRTINGEN (hfwu). Was macht die Pandemie mit der Psyche der Menschen? Was können wir als Gesellschaft aus der Krise lernen? Überraschende und radikale Antworten auf diese Fragen gab ein Doppel-Vortragsabend an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) im Rahmen des Studium generale.

Während der Corona-Krise gab es weniger Einweisungen in psychiatrische Kliniken als vor der Pandemie. „Eigentlich würde man in einer solch belastenden Situation erwarten, dass mehr Menschen Hilfe in Anspruch nehmen“, so Barbara Wild während des virtuell durchgeführten Vortragabends unter dem Titel „Die Pandemie-Krise – eine Gesellschaft und Psyche im Umbruch?“ Die HfWU-Professorin verwies auf mehrere Studien mit diesem überraschenden Befund. Aus ihrer eigenen Arbeit mit Patienten weiß sie, dass Menschen grundsätzlich ganz unterschiedlich auf Stress-Situationen reagieren. Aber für Menschen mit sozialen Ängsten etwa könne ein Lockdown, in dem das gemeinsame Leben heruntergefahren ist, entlastend wirken.

Grundsätzlich, so führte die Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie aus, reagieren Menschen auf Krisen in zwei verschiedenen Mustern. Sie versuchen entweder die Gefahr zu kontrollieren. Das spiegeln zum Beispiel die AHA-Regeln wider. Oder die Menschen versuchen, ihre Furcht zu kontrollieren. Strategien dieser Furcht-Kontrolle sind Fakten leugnen, wie es etwa Verschwörungstheorien tun, bestimmte Verhaltensweisen vermeiden oder in inneren Widerstand gehen.

Insgesamt, so Wild , hätten die Menschen, psychisch kranke wie die Gesamtbevölkerung, die Krise bisher gut weggesteckt. Mit Corona habe das Bewusstsein für die psychischen Probleme in der Gesellschaft zugenommen. Die Therapie habe gewonnen, weil sich in der Pandemie neue Formate wie Videosprechstunden und andere Online-Angebote etablierten. „Die allgemeine Bevölkerung hat mehr Resilienz gezeigt als erwartet“, resümiert Wild. Die Therapeutin rät mit Blick auf die Zukunft und anstehende gesellschaftliche Veränderungen diese persönliche Widerstandsfähigkeit zu stärken.  

Nach dem Blick auf die Psyche des Einzelnen nahm Jean-Pierre Wils die emotionale Verfasstheit der Gesellschaft in den Blick.  Der Kulturphilosoph von der Radboud Universität im niederländischen Nijmegen offerierte „einen philosophischen Therapie-Vorschlag“. In der Wahrnehmung von Wils lässt sich die Corona-Krise in sechs psycho-dynamische Phasen unterteilen. Die erste euphorische war durch ein Gefühl der Befreiung gekennzeichnet. Es folgten Irritation und Realisierung angesichts der realen Bedrohung. Danach kam Aggression, insbesondere von einzelnen Gruppen. Resignation und Enttäuschung über schleppende Impf-Erfolge und aktuell eine „stolpernde Rückkehr in die so genannte Normalität“ macht Wils als weitere Stationen aus.

„Der Stillstand war eine ungeheure Unterbrechung, die uns in einen völlig neuen Modus versetzt hat“, so der Professor für philosophische Ethik, „das hat eine Gesellschaft ins Herz getroffen, die seit Jahrzehnten auf der Überholspur ist.“ In dieser Auszeit sei zudem deutlich geworden, in welcher „Wettkampfgesellschaft“ wir normalerweise lebten: „wie ständig auf einem Kriegsschauplatz“. Und einen weiteren Grundzug unseres Lebens habe uns die Krise vor Augen geführt: „Niemand will sich begrenzen oder seinen Handlungsradius einschränken lassen, Autonomie verstehen wir als Privatveranstaltung“, ist Wils überzeugt. Der erzwungene Ausstieg aus dieser Lebensweise habe die Schwäche dieses Selbstverständnisses deutlich gemacht. „Wir könnten nicht weiter zentrifugal leben und die Welt in jeder Hinsicht erobern wollen.“

Anknüpfend an Barbara Wild forderte Wils „Resilienz als Lebensstilpolitik“. Die Grundbedürfnisse der Menschen müssten, auch aus ökologischen Gründen, „zurückregionalisiert“ werden. „Wir müssen zurück zu einer Ökonomie des Maßhaltens, zurück zu einer Demokratisierung der Region,“ so der leidenschaftliche Appell des Ethikers. Denn die Pandemie sei lediglich das Vorspiel zu einer möglichen viel größeren Klima- und ökologischen Krise. „Es reicht nicht, jetzt einfach zu hoffen, bald raus aus Corona und zurück in der alten Normalität zu sein “, mahnt Wils, „denn die alte Normalität ist die, die uns in diese Krise geführt hat.“

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