Alles was wir brauchen ist weniger

- Postwachstums-Vordenker Prof. Dr. Nico Paech hielt Vortrag im Studium generale -

Prof. Dr. Nico Paech

Die Organisatorinnen des Vortrags Carina Plach und Ute Kern-Schimmele, der Referent sowie HfWU-Dekanin Prof. Dr. Ulrike Berger-Kögler und Prof. Dr. Christian Arndt.

NÜRTINGEN (hfwu). Eine 20-Stunden-Arbeitswoche, Verzicht, der keiner ist, sondern Gewinn an Lebenszufriedenheit, ein „genug“ statt eines „immer mehr“, das sind einige der Grundpfeiler einer Postwachstumsökonomie wie sie Nico Paech vorschwebt. In seinem Vortrag an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) erklärte der renommierte Wachstumskritiker zudem, warum das alles nicht ohne die Verantwortung des Einzelnen geht.

„Ich gehöre nicht zu den Verzichtspredigern“, stellt Nico Paech gleich zu Beginn seines Vortrags klar. Der Wirtschaftswissenschaftler gehört zu den Vordenkern der Wachstumskritik und einer Postwachstumsökonomie. Verzicht liegt dabei quasi in der Luft. Nicht für den Siegener Professor für Plurale Ökonomik. Für ihn geht es um die „Befreiung vom Überfluss“, so der Titel seines erfolgreichsten Buchs. „Was wir brauchen ist auf der Angebots- wie der Nachfrageseite eine Reduktion“, formuliert er es im Rahmen eines virtuellen Studium-generale-Abends mit rund 80 Zuhörern. Ein Schlüssel für die Reduktion heißt Suffizienz. „Damit ist nicht gemeint nachhaltig zu konsumieren‘, sondern gar nicht zu konsumieren“. Suffizienz beschreibe die Kunst der Genügsamkeit oder des Nein-Sagens, so Paech. Suffizient leben heißt somit: statt zwei Urlaubsreisen im Jahr nur eine, statt 60 Kilogramm Fleischkonsum im Jahr nur 30. Suffizient heißt sich selbst begrenzen, auch wenn ein Mehr finanzierbar wäre: nur neue Kleidung kaufen, wenn die alte wirklich ersetzt werden muss, nicht alle fünf Jahre neue Möbel. Und Suffizienz heißt für Peach auch, wie er es selbst lebt, ganz zu verzichten: auf Flüge, Fleisch und Smartphone.

Für den Wachstumskritiker ist Suffizienz kein selbstgefälliges Programm zur Gewissensberuhigung. Es geht um nichts weniger als das planetare Überleben. In diesen Tagen, Anfang Mai, liege für Deutschland derzeit der Earth Overshoot Day. An diesem Tag haben die Deutschen ihren Anteil der natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die die Erde innerhalb eines Jahres wiederherstellen und damit nachhaltig zur Verfügung stellen kann. Allein um die Klimakrise abzuwenden dürfte jeder Einzelne pro Jahr nur eine Tonne CO2 erzeugen. Zurzeit sind es in Deutschland zwölf Tonnen pro Jahr. Eine Reduktion um das Zwölffache wäre also erforderlich.

Die dramatischen ökologischen Befunde führen aber gemeinhin nicht dazu, dass die Menschen wirklich selbst Verantwortung übernehmen für ein anderes Handeln, meint Paech. „Grünes Wachstum“ ist für ihn „grüne Pampe“: „Wir lagern Verantwortung auf Technologien aus. Bei dem sogenannten grünen Wachstum ist der technologische Fortschritt der Dreh- und Angelpunkt. In unserer Kultur kommt ihm eine fast religiöse Überschätzung zu.“ Mehr E-Autos, mehr Windkraftanlagen, mehr Photovoltaik auf dem Dach – das nützte alles nichts, wenn die individuellen CO2-Bilanzen sich nicht verringern oder sogar steigen. Aber genau das sei nach wie vor in den industrialisierten Ländern der Fall. „Diese Verantwortungsdelegation nennen wir Energiewende“, so der Umwelt-Ökonom.

Die Verantwortung des Einzelnen, darum dreht sich viel im Denken von Paech. Ohne Politik oder Industrie außen vor zu lassen, letztendlich sei es die Summe aller Handlungen, die zähle: „Die entscheidende Frage ist, was darf sich ein einzelnes Individuum an materiellen Freiheiten nehmen ohne ökologisch und sozial über seine Verhältnisse zu leben?“ Es sei kein Verzicht, wenn sich die Menschen im reichen globalen Norden ihrer Verantwortung stellen und nicht in Anspruch nehmen, was auf Ausbeutung menschlicher Arbeit und Raubbau an der Natur im Süden beruht. Und schließlich sei, wie es die Glücksforschung belege, Verzicht ein Gewinn. Denn trotz eines einzigartigen Wirtschaftswachstums und grenzenlosem Konsums in den vergangenen fünfzig Jahren habe dies nicht zu einer höheren Lebenszufriedenheit der Menschen beigetragen. Im Gegenteil. „Diese Überdosis hat zu einer Depressions- und Erschöpfungskultur geführt“, ist Paech überzeugt. Er wolle deswegen aber keineswegs auf ein Versorgungsniveau wie im Mittelalter zurück. Es komme auf die richtige Dosis an. Eine, die die Belastungsgrenze der Umwelt global respektiert.

Ein konkreter Schritt dahin ist für den Wirtschaftswissenschaftler die Neuaufteilung der Arbeitszeit. Die betriebliche, bezahlte Arbeit wird auf eine 20-Stunden-Woche reduziert. Aus großen Volkswirtschaften und den Planeten umspannenden Lieferketten werden regionale Wirtschaftsräume. Die Industrie ist durch Arbeitsteilung, reparable und wiederverwendbare Produkte und dauerhaftes Design gekennzeichnet. Ressourcen werden durch Entsieglung und Rückbau gewonnen. Die anderen 20 Arbeitsstunden sind entkommerzialisiert. Im Mittelpunkt stehen hier neben der Suffizienz die Subsistenz, realisiert durch Eigenproduktion, Instandhaltung, Gemeinschaftsnutzung und Ehrenamt.

Peach ist Optimist. Es gebe, bei allen Rückschlägen, einen voranschreitenden Zivilisationsprozess. Die „soziale Interaktion“ sieht er als möglichen entscheidenden Motor eines neuen Wirtschaftens. „Wenn Menschen anfangen anders zu handeln, andere Werte als maßgeblich zu sehen, Verantwortung übernehmen, dann entsteht eine neue soziale Realität, der sich der Rest und auch nicht die Politik entziehen kann.“

Wer generell am Thema Zukunftsökonomie interessiert ist, dem bietet die HfWU ab dem Wintersemester den neuen, gleichnamigen Studiengang. Er vermittelt umfangreiche Werkzeuge für ein zukunftsfähiges Wirtschaften.

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