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„Corona-Erklärung“ der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg

- Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus einem ungewöhnlichen Sommersemester 2020 -

P R E S S E M E L D U N G

vom 27. Juli 2020

„Corona-Erklärung“ der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg

- Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus einem ungewöhnlichen Sommersemester 2020 -

Hochschulen sind wichtige Stätten der Lehre und Forschung, der Wissensvermittlung und des Erkenntnisgewinns sowie der Zukunftsgestaltung. Dies ist für das Innovations- und Industrieland Baden-Württemberg von besonderer Bedeutung. Rund 50 % eines Jahrgangs entscheiden sich heute für ein Studium.

Doch Hochschulen sind noch weit mehr: sie sind Orte der Begegnung, des Austausches, des Streits um beste Lösungen, der Entwicklung und Stärkung fachlicher, sozialer und interkultureller Kompetenzen überwiegend junger Menschen sowie Impulsgeber in die Gesellschaft und Region. Das gilt in besonderer Weise für die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW).

Die Hochschulen haben sich bemerkenswert rasch und gut auf die Herausforderungen durch Corona eingestellt. Sie haben dabei von ihren Vorarbeiten in der Digitalisierung profitiert und konnten sich auf das Engagement der Lehrenden ebenso verlassen wie auf die Mitwirkung und den Lernwillen ihrer Studierenden. So ist es mit außerordentlichem Aufwand und gemeinschaftlichem Handeln gelungen, ein durchaus anderes, aber doch vollwertiges Sommersemester anzubieten und in diesen Tagen erfolgreich abzuschließen.

Und doch zeigte dieses „Online-Semester“ in besonderer Weise, dass zu einem kompletten Studium weit mehr gehört als Lehren und Lernen: die Herausforderung der Selbstorganisation, das Arbeiten in Gruppen, der (oft erste) eigene Haushalt, eigenständiges Recherchieren, Erleben, Begreifen im wörtlichen und übertragenen Sinne, Begegnungen und Diskurse mit Andersdenkenden, mit Menschen anderer Kulturen und gesellschaftlicher Hintergründe, Kontakte zur Praxis, Einblicke in die Forschung und die Befähigung zur argumentativen Meinungsbildung - und nicht zu vergessen, der Aufbau von Freundschaften, die vielfach ein Leben lang halten.

Einige dieser Aspekte konnten auch in digitalen Lehrformaten gut vermittelt werden. Andere erfordern zwingend die gleichzeitige Präsenz von Lehrenden und Lernenden, das gemeinsame Arbeiten am Objekt und in den Hochschulen.

Deshalb betonen die Rektorinnen, Rektoren und Präsidenten der HAW in Baden-Württemberg mit Blick auf das bevorstehende Wintersemester 2020 / 2021:

1. Die Hochschulen sind und bleiben Präsenzeinrichtungen.

Sie haben weder das Ziel, noch den Anspruch, digitale Lernorte zu werden. Präsenz, Austausch, Begegnung, Erleben, Erfahren und Begreifen sind wichtige Elemente des Lernens und Studierens an einer HAW. Das soll und wird so bleiben.

2. Gute Erfahrungen sichern.

Gleichwohl sind die in der digitalen Phase dieses Sommersemesters gemachten Erfahrungen von hohem Wert für die zukünftige Lehre an den HAW. Sie sollen nach einer gründlichen Analyse die bewährten Lehrformate flankieren, unterstützen und ergänzen. Sie erhöhen die Flexibilität der Lehrangebote an den HAW und können die Lehre insgesamt individueller und zielgruppenspezifischer machen. Digitale Formate sollen insbesondere dort erhalten und weiterentwickelt werden, wo sie zu didaktischen Verbesserungen führen und wichtige Ergänzungen darstellen.

3. Planungssicherheit schaffen. Flexibilität erhalten.

Für die Professor*innen, die Lehrbeauftragten, die Hochschulleitungen, die Verwaltungen und vor allem für die Studierenden hat jedoch auch die Planungssicherheit eine hohe Bedeutung: Anders als in der Ausnahmesituation des zu Ende gehenden Sommersemesters, das an die Flexibilität und Mobilität aller Beteiligten hohe Anforderungen stellte, streben die Hochschulen für das Wintersemester deshalb eine verlässliche Perspektive an, die so viel wie möglich verbindlich terminierte Präsenzphasen für alle Studierenden vorsieht und doch noch einmal auf digitale Lehrangebote setzt:

So viel Präsenz wie möglich, sinnvoll gepaart mit Online-Angeboten.

Das würde es den Hochschulen ggf. auch erlauben, kurzfristig auf erhöhten Infektionslagen vor Ort zu reagieren und die Lehre dennoch in hoher Qualität und ohne Unterbrechungen fortzusetzen.

4. Hochschulleben erfahren. Hochschulorte kennenlernen.

Bei der Festlegung der Präsenzphasen liegt ein besonderes Augenmerk auf den Studierenden, die ihr Studium im März - zum „Corona-Semester“ - aufgenommen haben und auf den Studienanfänger*innen des kommenden Wintersemesters.

Diesen Anfänger*innen soll früh und ausreichend Gelegenheit gegeben werden, ihre Hochschulen, deren Angebote, die Lehrenden, die Studienorte und sich untereinander kennenzulernen, sich zu organisieren und in Lerngruppen zusammenzufinden. Dadurch kann vermieden werden, eine ganze Studierenden-Generation nur unzulänglich in ihr Studium einzuführen und vor allem technisch und finanziell benachteiligte sowie die weniger selbstständigen Studierenden auf ihrem Weg in und durch ihr Studium zu verlieren.

5. Begegnung und Austausch ermöglichen.

Auch die Studierenden, die aus anderen Ländern zu Gast sind, sollen möglichst oft an die Hochschulen kommen und betreut werden. Für sie geht es auch um Einblicke in die Hochschul- und Wissenschaftskultur sowie das gesellschaftliche Zusammenleben in unserem Land. Das werden wir ermöglichen.

6. Aus Verantwortung für die Gesundheit.

Diese Festlegung trägt neben einem klugen Ausgleich zwischen Präsenzangeboten und digitalem Studium auch der Tatsache Rechnung, dass Studierende, anders als z.B. Schüler*innen oder Kinder in Tagesstätten, nicht in festen Gruppen lernen, häufig zwischen Elternhaus und Studienort pendeln, damit besonderen Infektionsrisiken ausgesetzt sind und sie zugleich selbst verursachen könnten.

Die Hochschulen haben deshalb eine besondere Verantwortung für die Dynamik des Corona-Infektionsgeschehens und werden im Wintersemester an den Abstands- und Hygieneregeln festhalten.

Es ist deshalb nicht möglich, alle Studierende gleichzeitig auf dem Campus zu begrüßen und zu lehren. Dies wird in dem geplanten „Hybrid-Betrieb“ zwischen Präsenz- und Digitalformaten berücksichtigt.

7. Praktika und Praxissemester ermöglichen.

Für die HAW-Studierenden sind Einblicke und Erfahrungen in und aus der Praxis und Anwendung ihrer Wissenschaftsdisziplin von ganz besonderer Bedeutung. Kontakte mit Vertreter*innen aus der beruflichen Praxis, Besuche in Unternehmen und anderen Anwendungseinrichtungen sind deshalb wichtige didaktische Elemente der Lehre an den HAW. Das gilt auch und in besonderer Weise für Praktika und Praxissemester.

Es geht dabei um eine ausgezeichnete Ausbildung junger Menschen, um dem Fachkräftemangel in vielen Beschäftigungsbereichen unserer Gesellschaft wirksam zu begegnen. Es geht um die Mitarbeiter*innen von morgen!

Wir appellieren an unsere Unternehmen, Behörden, Verbände und Einrichtungen, auch in diesen für sie schwierigen und unsicheren Zeiten Praktika und Plätze für Praxissemester anzubieten. Sie tun es nicht in erster Linie für die Hochschulen und die Studierenden, sondern auch für Ihre eigene Zukunft!

Die HAW sind gut durch die erste Phase der Pandemie gekommen und sie sind durch ihre Planungen und Festlegungen gut auf das kommende Semester vorbereitet – unter allen Umständen.

Sie sichern ihren Studierenden, der Gesellschaft und der Wirtschaft ihrer Absolvent*innen, ihren Partnern und damit dem Land Baden-Württemberg eine unvermindert hohe Ausbildungsqualität bei einer gleichzeitig hohen Planungssicherheit zu.

Dazu arbeiten die 24 Mitgliedshochschulen eng und gut zusammen, stimmen sich ab und unterstützen einander. Das zeichnet uns aus.

Jetzt erst recht.

 

Stuttgart im Juli 2020

 

 

Pressekontakt HAW BW e.V.:

Benjamin Peschke

Geschäftsführer

Hochschulen für Angewandte Wissenschaften Baden-Württemberg e. V.

Hospitalstraße 8

70174 Stuttgart

+ (49) 711 995 281-60

peschke@spam.haw-bw.de

www.hochschulen-bw.de

 

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