NÜRTINGEN (hfwu). Wie kann die Zusammenarbeit zwischen räumlich-planerischen Disziplinen und den Sozialwissenschaften verbessert werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines zweitägigen Fachsymposiums unter dem Titel „Soziologische Positionen zum Planen und Bauen“ an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen.
Häuser, Plätze und Straßen sind sichtbar. Zu sehen, für welche Gruppen sie Zugang und Teilhabe schaffen oder welche sie ausschließen, ist schwieriger. „Räumliche Planung gestaltet nicht nur Räume, sie gestaltet auch soziale Beziehungen,“ so drückt es Prof. Dr. Oliver Frey aus, Initiator und Mitorganisator des Fachsymposiums. Zu der zweitägigen Veranstaltung waren die führenden Köpfe aus der Stadt-, Raum- und Planungssoziologie aus dem deutschsprachigen Raum nach Nürtingen gekommen. Mit dabei Vertreterinnen und Vertreter der mit dem Symposium kooperierenden Einrichtungen, darunter der Sonderforschungsbereich „Re-Konfiguration von Räumen“ an der TU Berlin, das Leibniz-Institut für raumbezogene Sozialforschung in Erkner bei Berlin und die IBA‘27.
Die Stadt Nürtingen hat eine vielbefahrene Straße direkt am Neckarufer für den Autoverkehr gesperrt und in eine Verweilmeile mit Cafés, Bars und Restaurants umfunktioniert. Vielen gilt der so genannte „Stadtbalkon“ heute als Vorzeigeprojekt. Oliver Frey nahm ihn in seiner Einführung als Beispiel für die planerische Gestaltung von sozialen Beziehungen. „Mit dem Stadtbalkon wurde alles aufgeräumter, Begegnung ist nun mehr mit Konsum verbunden, unformatierte Begegnungen sind weniger möglich“, so der Soziologe und Stadtplaner.
Zur Reihe der renommierten Referentinnen und Referenten des Symposiums gehörte Andreas Hofer, Intendant der Internationalen Bauausstellung Stadtregion Stuttgart, IBA’27. „Planung ist der hilflose Versuch, über Rationalisierung komplexe Probleme in den Griff zu bekommen“, so der IBA-Chef in seinem historischen Rückblick. Simple Funktionalität hält der Schweizer Architekt für überkommen. „Wir stehen heute diesbezüglich an einem fundamentalen Wendepunkt“, ist Hofer überzeugt. „Wir haben uns mit billiger Energie und Ausbeutung eine Welt geschaffen, die nicht mehr in die heutige Zeit passt.“ In der kommenden Baukunst müsse es um Fluidität und Flexibilität, um die Schaffung von bewohnbaren „Lebenslandschaften“ gehen. „Wir haben keine Zeit mehr, wir müssen jetzt damit beginnen, Strategien zu entwickeln, wie wir den unpassenden Baubestand unter immer schwieriger werden Rahmenbedingungen in die Zukunft bekommen“, so der Appell des Architektur-Vordenkers.
Die zweitägige Fachtagung wartete mit einem dicht gedrängten Programm und Referaten im 15-Minuten-Takt auf. In verschiedenen thematischen Blöcken ging es um verschiedene Positionen in der Stadt-, Raum- und Planungssoziologie, um die Interdisziplinarität zwischen Planung und Sozialwissenschaften und um die sozial-räumliche Transformation und Planungspraxis.
Die Macher des Symposiums hatten sich eine doppelte Aufgabe gestellt. Die Veranstaltung sollte den Beitrag der Soziologie zur räumlichen Planung sichtbar machen und zugleich einen Raum eröffnen, in dem die Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Perspektiven miteinander ins Gespräch kommen können. Dabei sollten insbesondere die Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Planungspraxis in den Blick genommen werden: Wo ergänzen sich die beiden Felder, wo entstehen Brüche und wie lassen sich diese produktiv nutzen? „Planung geschieht nie innerhalb eines einzelnen Fachs“, so Oliver Frey. Unterschiedliche Logiken, Zeitrhythmen und Erwartungen würden hier aufeinandertreffen. Daraus entstünden Reibungen, aber auch Lernchancen. Dafür einen „Dialograum“ zu schaffen, das ist dem Symposium mit seinen fast 30 Referaten, Werkstattgesprächen und dem Abendprogramm gelungen.