Die ethische Dimension der Spiritualität in der Psychotherapie

©Patric Tavanti

Referent & Vortrag

Die ethische Dimension in der Psychotherapie umfasst nach Beauchamp und Childress (1979) die vier bioethischen Prinzipien der Autonomie, Fürsorge, Gerechtigkeit und des Nicht-Schadens, als grundlegende Leitlinien des therapeutisches Handelns. Dabei kann auch eine Unterlassung therapeutischen Schaden verursachen. Freuds Apodikt von der Religion als universelle Zwangsneurose, die ein Hindernis für die psychische Reifung des Menschen darstellt und somit das Ziel der Therapie sei, den Menschen zu befähigen diese Illusionen zu überwinden, erwachsen zu werden und sich der Realität zu stellen, hat lange Zeit die Medizin und Psychiatrie/Psychotherapie geprägt. Spätestens hier trennte sich die Medizin von ihren religiösen und spirituellen Wurzeln, die sie in allen Kulturen als Teil der religiösen Tradition bis zur Säkularisierung der Medizin zwischen dem 19. Und 20. Jahrhundert getragen haben.


2016 hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) in einem Positionspapier darauf hingewiesen, dass die früher „vorherrschende Religionskritik und Pathologisierung von Religiosität und Spiritualität heute nicht mehr angemessen seien. Die kritische Haltung sollte aber nicht undifferenziert durch eine Idealisierung dieses Feldes ersetzt werden“, warnte sie dennoch eindringlich. Es geht also um eine ganzheitliche Wahrnehmung der Lebenssituation des Menschen einschließlich der existenziellen, spirituellen und religiösen Dimension. Voraussetzung dafür ist, dass Psychotherapeut:innen die eigene weltanschauliche Orientierung kennen und kritisch reflektieren und in der Behandlung auch transparent machen. Therapeut:innen sollten in der Lage sein, Religiosität und Spiritualität als Ressource Patient:innen zu erkennen und in die Behandlungsstrategie einzubinden.

Der Vortrag führt in die wechselvolle Geschichte von Spiritualität, Medizin und Psychotherapie ein und geht ethischen Fragen nach, wie religiöse oder spirituelle Interventionen bzw. die religiöse Neutralität der Therapeut:innen und das Bemühen der Wahrung der professionellen und wissenschaftlichen Standards ein kultur- und religionssensibles Vorgehen beeinflussen oder auch beeinträchtigen oder durch Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene gestört werden können. Auch um einerseits Unterlassung oder verletzende Ablehnung der spirituellen Dimension der Patient:innen anderseits spirituellen Missbrauch zu verhindern, sollten aus ethischer Sicht Haltungen, Wissen und Fähigkeiten zu Religiosität und Spiritualität als therapeutische Kompetenzen geschult und entwickelt und als Lernziele in die akademische Lehre sowie in die Aus- und Weiterbildungsordnungen integriert werden.  

Kurzvita:
Patric Tavanti ist Heilpraktiker beschränkt auf Psychotherapie (Traumatherapie und Theatertherapie), mediationsanaloger Supervisor und Referent für Prävention von sexualisierter Gewalt in Arbeitsfeldern mit schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen im Erzbistum Berlin. Von 2023 bis 2025 war er akademischer Mitarbeiter im Bachelorstudiengang Theatertherapie an der HfWU. Seine Masterarbeit im Studiengang Theologie des geistlichen Lebens an der Universität Augsburg verfasste er zum Themenfeld geistlichem Missbrauchs aus machttheoretischer, psychologischer, theologischer und kanonistischer Perspektive. Seit 2017 ist er ehrenamtlich als katholischer Notfallseelsorger tätig.

Ablauf:

18:00 Begrüßung & Einführung Prof. Dr. Rainer Nübel
18:10 Vortrag Patric Tavanti
19:00 Diskussion
19:25 Abschluss und Dank

Anmeldung

Wir bitten um Anmeldung bis drei Tage vor der Veranstaltung über das Webformular auf der Homepage des Studium generale.

Veranstaltungsort:
HfWU Standort Nürtingen, HKT Aula, Sigmaringer Str. 15/2, Nürtingen

Aufnahmen: Während dieser Veranstaltung können im Auftrag der Hochschule Foto- oder Filmaufnahmen erstellt und gegebenfalls in Publikationen oder in Online-Medien der Hochschule veröffentlicht werden.