NÜRTINGEN (hfwu). Das Wissen über Traumata hat die Kraft, die Welt zu verändern. Davon ist Kinga Janisch überzeugt. Ihr Vortrag im Rahmen des Studium generale an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen war ausgebucht. Die rund 80 Interessierten erfuhren, dass Traumata keineswegs Einzelphänomene sind und wie mit ihnen als Individuum und Gesellschaft hilfreich umgegangen werden kann.
Wie erleben und bereichern Menschen mit traumatischen Erfahrungen unsere Gesellschaft – und was macht Trauma mit uns als Gesellschaft? Diese Frage stand über dem Vortrag der Traumatherapeutin und Coachin. Die Forschung zeige deutlich, dass frühkindliche Traumata weit über das Individuum hinauswirkten, so die Referentin. Sie beeinflussen soziale Beziehungen, Bildungsbiografien, die berufliche Integration und die gesellschaftliche Teilhabe. Etwa jede vierte Person in Deutschland erlebe im Laufe ihres Lebens ein potenziell traumatisches Ereignis mit psychischen Folgen. „Trauma ist kein Ausnahmezustand, sondern Teil der gesellschaftlichen Realität“, so Janisch.
Ob wir ein glückliches Leben führen hängt neben anderen Faktoren wesentlich davon ab, ob wir gute und verlässliche Beziehungen führen. „Das Leben ist Beziehung. Verbundenheit ist ein biologischer Schutzfaktor und die beste Trauma-Prävention“, zitierte die Therapeutin eine aktuelle Studie. Ein Trauma zerreißt diese Verbundenheit. „Traumata beschreiben nicht wie ein Mensch ist, sondern, was er erleben musste“. Das hat oft psychische und körperliche Folgen oder wird mit Suchtverhalten beantwortet. Die Lebenserwartung sinkt – Menschen mit schwerem Trauma sterben im Durchschnitt 20 Jahre früher.
Die freiberuflich tätige Therapeutin betonte aber auch: „Ein Trauma kann oft der Katalysator für persönliches Wachstum sein.“ Den Umgang mit Traumata vergleicht Janisch, die neben verschiedenen Fachausbildungen einen Wirtschaftsmaster und Erfahrung in Leitungspositionen bei Unternehmen hat, mit der Pflege einer Wunde. „Wie bei einer körperlichen Verletzung braucht auch eine innere Wunde Beachtung, Schutz, Versorgung und eine Umgebung, in der sie nicht immer wieder aufgerissen wird.“ Konkrete Handlungsimpulse gab sie den Besucherinnen und Besuchern in der vollbesetzten „Futurbox“ der HfWU in Nürtingen auf drei Ebenen mit. Als Einzelner sei wirklich zuhören und ein verlässlicher Anker zu sein hilfreich. Als Gemeinschaft könne man sichere Begegnungsstätten schaffen und die Trauma-Sensibilität in Schulen, Kitas und der Medizin fördern. Und als Gesellschaft früh helfen, statt späte Schadensbegrenzung zu betreiben und zudem die psychische Gesundheit grundsätzlich gleichwertig wie die körperliche behandeln. Nach dem lebendigen und humorvollen Vortrag blieb noch Zeit für viele interessierte Nachfragen.