„Entweder es machen alle oder es macht niemand“

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Redner an Pult

Prof. Dr. Dr. Felix Ekardt

„Postfossile Freiheit“, Vortrag im Studium generale – Frieden, Wohlstand und Demokratie in einer Welt ohne Öl und Gas

NÜRTINGEN (hfwu). Frieden, Wohlstand und Demokratie werden langfristig nur in einer Gesellschaft möglich sein, die nicht wie die heutige auf fossilen Energieträgern beruht. Davon ist Felix Ekardt überzeugt. Wie dringlich die Lage ist und wie die Transformation gelingen kann, beschrieb der Nachhaltigkeitsforscher im Rahmen des Studium generale an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU).

Kriege, populistische Regierungen, Klimawandel, der dramatische Rückgang der Artenvielfalt. Diese Krisen treffen nicht zufällig zusammen. Sie bedingen sich gegenseitig und sie bedrohen unsere Existenz. Ihren Ausgangspunkt sieht Professor Dr. Dr. Felix Ekardt in einem auf fossilen Energien beruhenden Lebensstil, wie der Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik bei seinem Online-Vortrag an der HfWU ausführte. Fossile Abhängigkeit befeuert Autokratien, schwächt Freiheitsrechte und gefährdet den weltweiten Frieden, so der Jurist, Philosoph und Soziologe.

Wohlstand, Demokratie, Frieden und Umweltschutz seien keine sich widersprechenden Ziele. Sie stehen vielmehr in einer gegenseitigen Abhängigkeit und haben langfristig nur in einer postfossilen Welt Bestand, ist Ekardt überzeugt. Gleichzeitig bleiben die fossilen Energieträger das zentrale Problem an dem zu wenig, zu langsam geändert wird. „Beim Thema Klima meinen viele Menschen, dass wir noch auf einem Pfad zur Klimaneutralität bis 2050 sind. Die aktuelle Bundesregierung strebt nicht einmal das an“, führte Ekardt aus. Mit dem Pariser Abkommen hätten sich alle Staaten verpflichtet, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. „Industriestaaten wie Deutschland haben dafür schon jetzt kein Budget mehr.“ Historisch betrachtet habe allein Deutschland fünf Prozent aller Emissionen verursacht. Mit seiner ökonomisch hohen Leistungsfähigkeit hätte das Land schon lange bei null Emissionen sein können.

Der Biodiversitätsverlust und der Klimawandel seien nicht die einzigen Folgen des fossilen Brennstoffeinsatzes. Wie sich die Preise mit dem Beginn des Iran-Kriegs entwickelt haben, wie autoritäre und imperial agierende Staaten von den Öl-Einnahmen profitieren, das zeige, dass Wohlstand, Demokratie und Frieden und die Abhängigkeit von fossilen Energien zusammenhängen. „Fossilität steht dabei vermeintlich für Wirtschaftlichkeit, aber dabei ist das Gegenteil wahr. Das ist in der Forschung seit langem bekannt“, sagte Ekardt.

Wie kann der Umstieg gelingen? Nur gemeinsam und nur auf vielen verschiedenen Wegen. „Wir bewegen uns in einem komplexen Wechselspiel aller Akteure, von Politik und Konsumenten“, so der Nachhaltigkeitsforscher. Es gehe um verschiedene methodische und technische Zugänge, um Verhaltenswandel, um Änderungen auf struktureller und individueller Ebene. Bei einer Transformation müsse man sich zudem der kulturellen Gegebenheiten und der Wesenseigenschaften der Menschen bewusst sein. Diese sind gewöhnlich eigennützig, von technisch und wirtschaftlichen Abläufen abhängig, meinen zu wissen, was normal ist, haben Gewohnheiten, handeln oft anders als sie denken und neigen, Verantwortung den anderen zuzuschreiben.

„Wandel findet statt oder scheitert an einem komplexen Wechselspiel aller Akteure“, so das Fazit von Ekardt. Dieser Wandel sei eine wirkliche Herausforderung. Denn er muss mit einen Bewusstseinswandel einhergehen, er steht oft den Eigeninteressen von Politikern und Konsumenten entgegen, trifft auf Bequemlichkeit und Verdrängung. Mit dem Stichwort Governance betonte der Jurist neben der individuellen Ebene die Bedeutung transnationaler Regelungen, so etwa in der EU.

Wie kann man Menschen zum Wandel motivieren, war eine Frage aus dem Publikum in der anschließenden Diskussion. „Es gibt keinen Mastermind oder eine Art Weltdiktator, der das alles wie an einem Reißbrett steuern kann“, so Ekardt, „es müssen viele Leute loslaufen und dafür kämpfen, politisch und mit einem anderen Konsumverhalten. Entweder es machen alle oder es macht niemand.“