Avela-Fachtagung: Sunblock City – Wege zur hitzeresilienten Kommune

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Redne vor Publikum in der Nürtinger Stadthalle

Dachbegrünungsexperte Dr. Dieter Lohr stellte Forschungsergebnisse zur Reduktion der Hitzebelastung und zum Wasserrückhalt bei Starkregen vor. (Foto: Özlem Soytekin)

Fachtagung Stadtplanung- und Landschaftsarchitektur; Möglichkeiten zur Hitzanpassung für Kommunen

Am 18. Juni fand die Fachtagung „avela“ zum 17. Mal statt. Dieses Jahr war das Thema „Sunblock City – Wege zur hitzeresilienten Kommune“. Fachleute aus Forschung, Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und der Garten- und Landschaftsbau-Branche hielten Vorträge zum Thema Hitzeanpassung in Städten und beleuchteten verschiedene Aspekte, wie mit dem Klimawandel umgegangen werden kann. Während die Temperaturen draußen in der Innenstadt von Nürtingen bei 35°C lagen, war der Vortragssaal der Stadthalle wohltemperiert. Mit kühlen Köpfen wurde überlegt, wie man die Städte an die erhöhte Hitzebelastung anpassen kann. Laut Robert Koch Institut (RKI) sterben in heißen Sommern allein in Deutschland bis zu 9.500 Menschen mehr als in durchschnittlichen Sommern. Wie kann intelligente Stadtplanung und Landschaftsarchitektur dies verhindern oder zumindest abmildern?

Nach der kurzen Begrüßung des Rektors der HfWU, Professor Dr. Andreas Frey, machte den Vortragsanfang die neue Wissenschaftliche Leiterin der Lehr und Versuchsgärten mit ihrer ehemaligen Kollegin Danièle Bastian aus dem Grünflächenamt in Karlsruhe. Karlsruhe eine der wärmsten Städte in Deutschland und beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Klimaanpassung. Ein bunter Reigen von Maßnahmen ist dort Standard geworden: Unter anderem wurden Naturoasen geschaffen, es gibt einen besseren Sonnenschutz an Haltestellen, die Entsiegelung wurde vorangebracht, ein Stadtbaumkonzept entwickelt und das Starkregenmanagement verbessert.

HfWU-Professorin Dr.-Ing. Ursula Nothhelfer betonte, dass es nur gemeinsam geht: Die Kommune und Private müssen zusammenarbeiten, um das Beste zu erreichen. So können Privatleute z.B. Baum- oder Pflanz-Patenschaften übernehmen. Gerade Stadtbäume haben es schwer, sie sind deutlich häufiger von Schadinsekten oder Trockenheit betroffen, als Bäume in der freien Landschaft. Viele müssen aus Sicherungsgründen gefällt werden. Da wird es unter anderem notwendig, teilweise auf nichteinheimische Baumarten auszuweichen. Aber auch die Mischung macht es aus. Unterschiedliche Bäume sind nicht so anfällig für einen Totalausfall. So ist es sinnvoll bei Neupflanzungen nicht auf eine Baumart zu setzen.

Dr. Dieter Lohr forscht im Bereich Dachbegrünung am Institut für Gartenbau Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Er stellte seine neuesten Forschungsergebnisse zur Reduktion der Hitzebelastung und zum Wasserrückhalt bei Starkregen vor. Bisherige extensiv begrünte Gründächer können nur einen Teil des Regenwassers bei Starkregenereignissen abpuffern. Es gibt technische Lösungen, um Wasser auf dem Dach so lange zu halten, bis die Hauptregenflut vorbei ist. Das würde Hochwasserereignisse weniger dramatisch verlaufen lassen. Trotz der nötigen Technik, könnte es eine Chance sein, die Städte klimaresilienter zu machen.

Weitere Forschungsergebnisse stellte Dr. rer. nat. Nils Eingrüber vom Geografischen Institut der Universität Köln vor. Er hat untersucht, wie sinnvoll es ist, Städte mit grünen Pflasterfugen zu versehen. Im Computer hat er an einem Teil der Stadt Köln rechnerisch simuliert und durchgespielt, wieviel begrünte Fugen die Umgebung abkühlen würden. Die Oberflächentemperaturen an heißen Tagen kühlten sich im Mittel um ca. 5°C ab, wenn Bereiche, die keine zentralen Verkehrsachsen darstellen, teilentsiegelt werden. Das zeigt wie enorm wichtig das Thema Entsiegelung ist.

Doch auch das Thema Biodiversität und Artenschutz kam nicht zu kurz. So berichtete Fieder Weigand von der Firma naturART aus Ludwigsburg vom Beispiel der Kirsche. Diese wird – nicht wie man vermuten würde – von der Honigbiene bestäubt, sondern in erster Linie von Fliegen. Das verdeutlicht, wie wichtig es ist, Biodiversität zu fördern. Lebensräume müssen erhalten und neu erschaffen werden, denn es gibt inzwischen nicht nur weniger Arten, sondern auch drastisch weniger Individuen. Auch die Bestäubung von Nutzpflanzen funktioniert nur mit verschiedenen Insekten. Das Fazit von Weigand: Vielfalt ist der Schlüssel zur Resilienz, selbst auf kleinstem Raum. Jeder Quadratmeter zählt.

Den Abschluss machte der französische Professor Henri Bava von der Agence Ter in Karlsruhe und Paris mit seinen beeindruckenden internationalen Projekten zur großmaßstäbigen Förderung von Biodiversität und Schwammstadt. Ihm lag es nahe, dass bei den unterschiedlichsten  Projekten lebendige Böden gefördert werden. Oft werde der unsichtbare, unterirdische Lebensraum bei der Planung vergessen. In der anschließenden Diskussion kam die Frage auf, worin sich französische und deutsche Stadtplanung unterscheiden. In Frankreich gibt es seiner Meinung nach mehr Wettbewerbe, dafür sind die parzipativen Prozesse in Deutschland weitaus üblicher. Die Bevölkerung wird hier häufiger in den Planungsprozess mit einbezogen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass ganz oben auf der Agenda der meisten Vortragenden die Bäume standen. Egal ob einheimisch oder nicht aus Europa stammend – alle sind enorm wichtig im Kampf gegen den Klimawandel in unseren Städten. Nicht nur, dass sie das CO2 aus der Luft umwandeln, sie können die Umgebung aktiv abkühlen. Natürlicher Klimaschutz ist wirksamer als mit einer Klimaanlage. Das unterirdische Wasser wird aus dem Boden nach oben transportiert, gelangt zu den Blättern und verdunstet dort. Durch die Verdunstungskälte kann es unter einem Baum bis zu 15 Grad kühler sein, als ohne Baum. Deswegen muss wir alles daran gesetzt werden, alte Bäume zu erhalten und mehr neue Bäume in die Städte zu integrieren. Das kann mit einer gelungenen interdisziplinären Zusammenarbeit in allen Ämtern (Tiefbau-, Grünflächen-, Hochbauamt) gefördert werden, aber auch im privaten Bereich erfolgen. Mehr Bäume in der Stadt bedeuten eben nicht nur Grün, sondern auch wohltemperierte Plätze und Aufenthaltsbereiche.

Der gelungene Ausklang fand dann im Lehr- und Versuchsgarten Hofgut Tachenhausen bei Oberboihingen statt. Es gab nach einem kleinen Umtrunk zwei verschiedene Führungen durch den Park. Beim Abendessen erfolgte anschließend ein reger fachlicher Austausch, bevor einige Student:innen und Helfer:nnen für ihr besonderes Engagement geehrt wurden. Als dann die Sonne am Himmel unterging und es ein wenig kühler wurde, verleitete das dann den ein oder anderen nochmal den überbordenden Rosenpavillon zu bewundern.  (Text: Ina Timm)