Natur in der Stadt – zwischen Artenschutz und Architektur

- Experten diskutierten Chancen und Risiken grüner Städte beim „Umwelttag“ an Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen -

Aus den Händen von Ulrich Nolting (Informationszentrum Beton) erhielten Diana Kaltenmark und Florian Rosa den Umweltpreis.

NÜRTINGEN (hfwu). Ein Plädoyer für eine urbane Wildnis, eine Warnung vor einer Invasion fremder Pflanzen und die Befürchtung, dass Naturschutz in erster Linie als Menschen- und nicht als Artenschutz verstanden wird – um dies ging es beim „Umwelttag“, einer Fachtagung an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen.

Historische Kulturlandschaften, das war einmal. Flächenverbrauch, Zersiedlung und Zerschneidungen haben sie fast zum Verschwinden gebracht. Eine industrielle Landwirtschaft sorgt zudem für monotone Großlandschaften. Naturschutz, verstanden vornehmlich als Erhalt von Bestehendem, führt hier nicht weiter. HfWU-Professor Sigurd Karl Henne plädierte vor diesem Hintergrund beim „Umwelttag“ für eine „gestaltete Wildnis und eine neue ästhetische Landschaft der Stadtregionen“. Den Schlüssel dazu sieht er in einer „Inwertsetzung“ von Landschaftsbereichen, die bisher vielfach als Restflächen und Brachen wahrgenommen werden. Sie könnten zukünftig ökologische Ausgleichsfunktionen übernehmen. Gerade Brachen, Restflächen und Ausgleichsflächen hätten in städtischen Regionen vielfach ungenutzte ökologische Potenziale. Daneben gewinne ihre aktive Gestaltung als Freiräume zunehmend an Bedeutung. Es gehe dabei vor allem um die Entwicklung des Freizeitwertes und der ästhetischen Attraktivität von Landschaft. „Die Dialektik zwischen Eingreifen und Lassen erzeugt Orte mit ganz besonderem Charakter und ermöglicht eine Umwertung von Unland zu einer neuen urbanen Wildnis“, ist Henne überzeugt.

Sandra Sieber von der Technischen Universität Darmstadt legte das Augenmerk auf einen Interessenskonflikt zwischen einer solchen „urbanen Wildnis“ und insbesondere dem Artenschutz einerseits und einer „grünen Infrastruktur“, die vor allem dem Menschen dient. Stadtgrün fungiere als wertvoller Dienstleister: Es dämpft Lärm, bietet Erholung, ermöglicht sportliche Aktivität, trägt zur Gesundheit bei, schluckt Schadstoffe und Regenwasser, erfreut mit Vogelgezwitscher, produziert Sauerstoff, mindert Temperaturspitzen und stellt Nahrung bereit. Dies führte Sieber zur Frage: „Wird uns der Schutz vor Hochwasser und den Folgen des Klimawandels letztlich doch wichtiger sein, als der Artenschutz, weil der Nutzen näher liegt und klarer erkennbar erscheint?“ Und wären die Ämter, Behörden, Planungsbüros und Gartenbaufirmen überhaupt gerüstet für die Anforderungen und Umsetzung einer grünen Infrastruktur, die die verschiedenen Interessen vereint?

Ein Problem, vor das sich die Akteure bei der Stärkung einer grünen Infrastruktur gestellt sehen könnten, sind invasive Arten. Darauf wies Prof. Dr. Mirijam Gaertner hin. Es stelle sich zwar die Frage, ob heimische Arten unter den gegebenen Umständen die vielfältigen Erwartungen einer Stadtnatur erfüllen können. Studien zeigten etwa, dass Stadtbäume häufiger von Krankheiten und Schädlingen befallen werden als ihre Artgenossen im Wald. Daher plädierten manche Experten dafür, resistentere, nicht-heimische Arten anzupflanzen. Davor aber warnt die HfWU-Professorin. „Vom Standpunkt der Invasionsbiologie birgt dieser Ansatz ein hohes Risiko: Städte gelten als Hotspots für biologische Invasionen.“ Sie riet daher, hier möglichst heimische Arten zu nutzen. Dass es durchaus Möglichkeiten und eine bereits überaus große Artenvielfalt in den Städten gibt, zeigte Prof. Dr. Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.

Im Rahmen des Umwelttags, den der HfWU-Master-Studiengang Umweltschutz in Kooperation mit der Hochschule für Technik Stuttgart und den Hochschulen Esslingen und Reutlingen organisiert, verlieh das Informationszentrum Beton GmbH den „Umweltpreis“. Ausgezeichnet für ihre Abschlussarbeiten im Studiengang Umweltschutz wurden Diana Kaltenmark und Florian Rosa.

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