News - Detailansicht

25.11.2010 13:39
Von: Gerhard Schmücker

Mehr Kapital für den Mittelstand


- Tag der Finanzen an der HfWU – Mehr Eigenkapital angemahnt -   Nürtingen. (üke) Alle Welt freut sich über das jüngste Wirtschaftswunder. Die deutsche Industrie, und mit ihr der baden-württembergische Mittelstand, rauscht schwungvoll aus der Krise. Trotz der Euphorie bleibt ein Problem bestehen: Der Mittelstand ist beim Eigenkapital traditionell schwach auf der Brust. Mehr Eigenkapital ist aber die Voraussetzung für Innovation und Krisenfestigkeit. Beim Tag der Finanzen an der HfWU wurden Alternativen gezeigt, wie der Mittelstand an das nötige Geld kommt.

Foto (Tzmalouka): Referenten und Gastgeber beim Tag der Finanzen: (1. Reihe v.lnr.) Klaus Meissner, Joachim Erdle, Prof. Dr. Dr. Dietmar Ernst, HfWU-Dekan Prof. Dr. Joachim Reinert, Oliver Hans, Assoc. Prof. Michael Bloss, (2. Reihe) Michael Euchner, Dr. Hendrik Wolff, Martin Hipp.

Kein Mensch weiß, ob die derzeitige wirtschaftliche Erholung langfristig trägt. Der Rektor der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, Professor Dr. Werner Ziegler, nannte die Risiken: Währungskrieg, Inflationsangst und ein wackliger Euro. Trotz allem sei es beeindruckend, wie die deutschen Firmen diese Situation meistern. Langfristig ist jedoch für Rektor Ziegler klar, dass die deutschen Unternehmen, vor allem die Mittelständler, Krisen nur mit entsprechend hohem Eigenkapital überleben werden. Hier sei Nachhaltigkeit gefragt. Wirtschaft und Nachhaltigkeit stünden als Synonyme für Innovation und wirtschaftlichen Erfolg. Der 7. Tag der Finanzen an der HfWU nahm sich dieses Problems an: Alternative Eigenkapitalfinanzierung für den Mittelstand. 

Der Mittelstand in Deutschland ist hoch innovativ, konkurrenzfähig und den Wettbewerbern häufig überlegen. Die Achillesferse ist jedoch die generell niedrige Eigenkapitalquote. Michael Bloss, Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung, legte die Zahlen auf den Tisch. Ausländische Unternehmen sind hier besser aufgestellt und auch die deutschen Großunternehmen sind besser mit Eigenkapital ausgestattet. Wie problematisch dies ist, zeigte eine Studie, die Dr. Hendrik Wolff und Michael Euchner vorstellten. Fast neunzig Prozent der Betriebe sind im Familienbesitz und davon gehört wieder knapp die Hälfte zum produzierenden Gewerbe. Das heißt: Gerade dort ist viel Geld notwendig, um eine Krise zu überstehen oder neue Innovationen zu finanzieren. Die Studie zeigte weiterhin, dass der Mittelstand kaum externes Kapital in Anspruch nimmt. Der Börse, Investoren und Finanzbeteiligungen wird gleichermaßen misstraut. Die Eigentümer wiederum sind mit dem Kapitalbedarf der eigenen Firma häufig überfordert. Die Studie wurde von der Ebner Stolz Mönning Bachem Unternehmensberatung  und Wolff & Häcker Finanzconsulting gemeinsam mit der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt angefertigt. Professor Dr. Dr. Dietmar Ernst war von Seiten der HfWU an der Studie beteiligt. Er beschrieb welche Alternativen es für den Mittelstand gibt, an das dringend benötigte Kapital zu kommen.

Trotz allem Misstrauen, der Nürtinger Finanzwissenschaftler nannte zuerst die Börse. Sie müsse sich mehr auf die Bedürfnisse des Mittelstandes einstellen. In der Vergangenheit fehlte ein Börsensegment, das mit den entsprechenden Regeln den Mittelstand bedient. Diese Unternehmen wirtschafteten nachhaltig, bräuchten Planungssicherheit und würden als versteckte „Champions“ erfolgreich arbeiten. Das alles widerspreche den Börsenregeln der Transparenz, dem Shareholder Value und Renditeerwartungen. Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen müssten mit nachhaltig orientierten Investoren zusammen geführt werden. „Kaum ein mittelständisches Unternehmen finanziert sich über die Börse, trotz des hohen Finanzbedarfs. Mit einem neuen Börsensegment lässt sich dieser Widerspruch lösen“, so Ernst. Ein anderes Finanzierungsmodell ist für Ernst die Mitarbeiterbeteiligung. In Frankreich sei dies gesetzlich geregelt, in Deutschland friste diese Beteiligungsform ein stiefmütterliches Dasein und könnte leicht ausgebaut werden. „Mitarbeiter investieren in das eigene Unternehmen. Sie sind und bleiben motiviert, sind an der nachhaltigen Entwicklung interessiert und vor allem beteiligt. So werden die Interessen von Kapital, Management und Arbeitnehmern versöhnt.“

In der Diskussion zeigte sich, dass sich die Finanzbranche des Marktes aber auch der Skepsis der mitteständischen Wirtschaft bewusst ist. Joachim Erdle von der Süd Beteiligungen GmbH, vertritt nach eigenen Worten eine Heuschrecke, aber eine gute. Zu häufig werden Finanzinvestoren als Bedrohung gesehen. Tatsächlich könnten sie Innovationen finanzieren, neue Märkte öffnen und zusätzliche Kunden bringen. Auch die Börse bewegt sich. Oliver Hans von der Börse Stuttgart beschrieb ein Modell, das es Privatpersonen ermöglich, sich schon mit kleinen Summen an der Fremdfinanzierung erfolgreicher Unternehmen zu beteiligen. Der nächste Schritt sei ein ähnliches Modell für Eigenkapital. Klaus Meißner, Mitglied des Vorstands der Kreissparkasse Göppingen, stellte heraus, dass die Sparkassen ebenfalls Interesse an einer guten Eigenkapitalquote im Mittelstand haben. Banken haben kein Interesse, mit ihren Krediten Haftungskapital zur Verfügung zu stellen. Und letztlich brach Martin Hipp vom Reutlinger Mittelständler Manz eine Lanze für das Geld von Außen: „Wir sind seit vier Jahren an der Börse notiert und haben nur gute Erfahrungen gemacht“. Er schaue zwar täglich auf den Aktienkurs seines Unternehmens, aber die anfängliche Nervosität sei längst vorbei. Der 7. Tag der Finanzen war die letzte Veranstaltung  des Studium Generale zum Thema „Lehren aus der Finanzkrise“ der Koordinationsstelle Wirtschaft und Umwelt an der HfWU.

Gerhard Schmücker, 25.11.2010 

 

 

 


Letzte Änderung: 03.04.2014 - 11:43:42 
315